Kurzgeschichten

Der Gast

Monsieur Melmoth! Er klopfte etwas lauter an die Tür.
Es rührte sich nichts.
Kurz darauf rief er mit gedämpfter Stimme: Sebastian! Hören Sie mich?
Er starrte die Tür an. Im Schein der Petroleumleuchte bemerkte er unwillig, dass der Lack auch hier an vielen Stellen abgeblättert war. Das Treppenhaus, nein das ganze Hotel, war in einem schlechten Zustand. Er seufzte. Er wusste nicht, woher er das Geld für die Renovierungen nehmen sollte.
Jetzt hämmerte er mit der ganzen Faust. Sebastian, nun öffnen Sie schon!
Auch wenn er den richtigen Namen seines Gastes auf Zimmer Nr. 13 kannte, so blieb er doch aus Gewohnheit bei der Anrede, unter welchem sich dieser vor Monaten eingetragen hatte.
Seit zwei Tagen haben Sie sich eingeschlossen, was ist denn los mit Ihnen? Öffnen Sie!
Von innen hörte er Geräusche, Holz knarrte und endlich drehte sich der Schlüssel. Sebastian schlurfte sogleich zurück ins Bett.

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Die Enkelin

Die Frau sah sich im Raum um. Nicht viele Besucher hatten sich an diesem frühen Morgen zur Ausstellung eingefunden. Das war angenehm. Nur wenige Gleichgesinnte, wie sie auf Entdeckungsreise. Menschen­massen und Gedränge in Räumen der Kunst waren ihr ein Gräuel. Das widersprach der künstlerischen Poesie. Und die groß angekündigten Aus­stellungen mochte sie nicht. Da bestand die Gefahr, dass die Geschäftstüchtigkeit und der ganze Wirbel die Wahr­nehmung erdrückten. Verzerrten. Und es war unvereinbar mit dem Geist, den man durch die Betrachtung der Werke, der Erinnerungsstücke, versuchte aufzuspüren. Denn um die Erinnerung ging es doch, um die Rückblende vergangener Momente, um Stilrichtung und Gefühl, was es nicht mehr gab und was es so nie mehr geben würde.
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