Die Enkelin

Die Frau sah sich im Raum um. Nicht viele Besucher hatten sich an diesem frühen Morgen zur Ausstellung eingefunden. Das war angenehm. Nur wenige Gleichgesinnte, wie sie auf Entdeckungsreise. Menschen­massen und Gedränge in Räumen der Kunst waren ihr ein Gräuel. Das widersprach der künstlerischen Poesie. Und die groß angekündigten Aus­stellungen mochte sie nicht. Da bestand die Gefahr, dass die Geschäftstüchtigkeit und der ganze Wirbel die Wahr­nehmung erdrückten. Verzerrten. Und es war unvereinbar mit dem Geist, den man durch die Betrachtung der Werke, der Erinnerungsstücke, versuchte aufzuspüren. Denn um die Erinnerung ging es doch, um die Rückblende vergangener Momente, um Stilrichtung und Gefühl, was es nicht mehr gab und was es so nie mehr geben würde.
Sie las Texte an der Wand, ging im Kreis umher.
Die Kunst lebte von der Kunstgeschichte. Von Begegnungen, Inspiration und Neufindung. Und Künstler arbeiteten nicht für die große Show im Museum, selbst wenn sie von einer solchen Wertschätzung träumten. Tatsächlich war es doch so, dass sie durch ihre Lebenseinstellung und ihr Können einen Weg gefunden hatten, ihre Umgebung, ihr Schicksal, ihre Zeit zu begreifen und zu reflektieren. Sie wollten Darstellen und Mitteilen. Sie wollten ihre Sehnsucht, ihre Glut stillen und hofften auf Anerkennung, Veränderung und Bestehen. Fortbestehen. Darum geht es doch immer. Und an den Glauben daran, etwas bewegen zu können.
Sie blickte wieder Richtung Eingang und versuchte zu erkennen, ob ihre Enkelin zurückkehrte. Die Kleine war losgegangen zwei tragbare Schemeln zu besorgen, nachdem sie bemerkt hatten, dass es in der Ausstellung überhaupt keine Sitzgelegenheiten gab. Das gute Kind. Auf dem Boden zu sitzen war keine Lösung und auf Anraten eines Wärters hatte das Mädchen sich sofort bereit erklärt zurück zur Garderobe zu laufen, um die leichten Alugestelle zu holen.
Sie war noch nicht zu sehen und so schlenderte die Frau weiter umher. Zwei gusseiserne Blöcke lagen auf dem Boden. Doppelfond hieß dieses Werk. Fond von Fundus, eine konzentrierte Substanz, eine Essenz, ein Fundament. 1954. Da war sie selbst noch eine junge Frau gewesen, Schülerin der Handelsschule und leidenschaftliche Tänzerin des Rock’n’Rolls, des Twists, … alte Gesichter tauchten auf, Bilder von früher. Schöne, aber auch schmerzvolle Gedanken.
Wie hat sich seitdem die Gesellschaft verändert! Wie frei und selbstbestimmt können die Menschen heute leben!
Sie ging zur Seite, wo ein Fernseher installiert war und eine Filmszene aus dem Leben des Künstlers lief. Ein Happening. Eine künstlerische Aktion. Der Mensch denkt und handelt. Eine Perform­ance. 1968. Ein flackernder Schwarzweißfilm. Umringt von zuschauenden, aber untätigen Teilnehmern, legte der Künstler mit seinen Händen unförmige Fettklumpen in eine Metallkiste. Fett. Ein Material, was sich leicht bewegen und formen ließ. Fett, ein Energiespeicher in gebundener Form. Später konnte man erkennen, wie diese Kiste verschlossen und zugeschweißt wurde. Eigentlich war es gar keine Kiste, sondern ein schwerer Eisenkasten in Form eines Halbkreuzes. Und der Inhalt war nun weder sichtbar, noch zu erahnen. Eine sonderbare Kunst. Sie zu verstehen war nicht einfach; eine vollkommen andere Gedankenwelt. Aber deswegen befand sie sich ja hier, um sich jetzt, da ein Großteil des Gesamtwerkes zusammen­getragen war, einen Über­blick zu verschaffen. Vielleicht konnte sie nach­träglich noch etwas von den Ideen, von seinen Inszenierungen, miterleben. Eine große Retrospektive für den großen Künstler der Stadt. Seine Lebens­kunst. Man nannte ihn einen Schamanen, einen Heiler, aber was bedeutete das? War es spirituelle Kunst?
Während sie den Eingang nicht aus den Augen verlor, blätterte sie in der Ausstellungsbroschüre. Als junger Mann, las sie mit Erstaunen, hatte er sich freiwillig bei der Luftwaffe gemeldet, hatte an der Front gekämpft, schwerverletzt einen Flugzeugabsturz überlebt und drei Monate in Kriegsgefangenschaft verbracht. Deshalb also dieser Wunsch zu heilen. Deshalb dieses Bedürfnis, die Menschen mit Hilfe der Kunst in eine bessere Welt zu führen.
Aber eine besonders fröhliche, bunte Kunst ist das nicht, dachte sie, als sie einen unfertigen Torso aus Gips und Eisen, mit Mullbinden umwickelt, erblickte. Unvollendet. Verletzbar. Unschön. Offensichtlich hatte ihn das Fertige nicht interessiert, vielleicht war es dann zu statisch, zu perfekt und unnatürlich, denn das Leben, grübelte sie, das Leben selbst war ja der ständigen Weiterentwicklung und Veränderung unterworfen. Und deshalb war die Kunst auch stets eine andere, weil die Menschen sich auch veränderten und jeder Blickwinkel ein anderer war.
Oder doch nicht? Gab es Dinge, die immer gleich blieben, egal zu welcher Zeit, egal wo? Sie lächelte erleichtert, als sie ihre Enkelin auf sich zukommen sah, strahlend, in ihren neuen Winterstiefeln, die so schön zum karierten Röckchen passten. Den modischen Schal, den sie vor der Brust gebunden hatte war verrutscht, weil sie über jeden Oberarm einen dieser praktischen Faltstühle gehängt hatte. Sie winkte ihr zu und dachte dabei an die Mutter der Kleinen. Als ob keine Zeit vergangen wäre. Sie selbst hatte sich, als ihre Tochter noch klein war, in ihrem Kind gesehen, hatte sich wiedererkannt in Mimik, Gestik, hatte sich an die eigene kindliche Lust und die Sorgen erinnert und heute, in diesem Moment, verbrachte sie die Zeit mit ihrer Enkelin und ihr Herz verkrampfte sich vor Freude und auch vor Traurigkeit.
Das hast du ja großartig gemacht, rief sie ihr stolz zu und gemeinsam stellten sie die Stühle auf.
War ganz einfach, winkte das Mädchen selbstbewusst ab und konzentrierte sich auf die Dinge im Raum. Dann stand sie auf und ging näher zur Wand.
Aber Oma, das hier sind ja nur zwei überkreuzte Stöcke von einem Rosenstock, man sieht deutlich die Dornen! Das ist doch nichts Besonderes, das kann doch jeder, zwei Stöckchen übereinander legen.
Sie zeigte auf die Spitzen und sagte laut: Das hier ist Norden, Osten, Süden und Westen. Komm lass uns weitergehen.
Du hast Recht, schmunzelte die Frau, es ist eine eher minimalistische Skulptur. Aber die Rose ist auch eine besondere Blume, ein Symbol …
Ich weiß, unterbrach das Mädchen sie, Opa hat es mir erklärt, als wir den Garten gegossen hatten: Die Rose ist die Königin der Blumen.
Ach ja?
Ja, und er meinte: Keine Rose ohne Dornen … das heißt, warte, nun das heißt: Das Schöne tut auch weh.
Oh, das ist ja richtig philosophisch: Keine Rose ohne Dornen, wiederholte die Großmutter nachdenklich. Sie klappten die Stühle zusammen und gingen weiter und während sie sich umschauten, überlegte sie: Und kein Erblühen ohne Schwierigkeiten. Ja, es stimmt, alles Schöne hat auch Schattenseiten. Aber Rosen stehen auch für andere Dinge, für die Liebe und die Unschuld. Auch für „Entfaltung“ – war es nicht Shakespeare gewesen, der Mädchen mit Rosen verglichen hatte …
Was ist das? Mit skeptischem Blick beäugte das Kind das schwere, auf dem Boden liegende Werk, eine Eisenkiste in Form eines Halbkreuzes.
Da fehlt eine Hälfte des Kreuzes, fügte es vorwurfsvoll hinzu.
Ich sehe, du denkst mit, das freut mich. Aber, aufgepasst, das eigentliche Kunstwerk ist darin, sagte ihre Großmutter vieldeutig.
Aha, ich weiß, antwortete da das Mädchen und lachte. Darin ist ein Schaf.
Ein Schaf? Wie kommst du denn darauf?
Ach Oma, du weißt schon, Der kleine Prinz!
Es fiel ihr jetzt ein, natürlich: Antoine de St. Exupéry. Es ist schon lange her, dass sie aus dem Buch vorgelesen hatte. Sie versuchte laut sich zu erinnern: Weil der Pilot kein richtiges Schaf zeichnen konnte, hatte er eine Kiste gemalt, in der sich der kleine Prinz das Schaf genau so vorstellen konnte, wie er es haben wollte.
Ja genau! Bravo Oma! Und was hatte sich der Künstler vorgestellt?
Der Künstler? Hm, nun er war ein wenig wie der kleine Prinz, ich denke, er mochte die Natur und die Tiere, denn er hat sie oft gezeichnet: den starken Hirschen, den flinken Hasen, die Ziege, die Bienen, die Schafe und Kälber, denn … auch diese Tiere leben wie die Menschen in Gruppen, in Rudeln und doch hat jedes einzelne seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft. Aber, sie seufzte, nichts bleibt, so wie es ist und er stellte sich vor, wie sich alles verändert.
Sie blickte versonnen in die Ferne und fuhr fort: Die Wünsche in der Jugend sind nicht die Wünsche im Alter. Die Kraft schwindet und schau dir meine Hände an, meine Haut – alles ändert sich, ist im Wandel. Das Leben fließt vorbei wie ein Fluss und man kann nur einmal darin baden …
Das Mädchen schaute verwundert zu ihr hoch und rief: Aber das ist doch nicht schlimm. Lieber einmal, als keinmal, sagt Opa immer. Oh, schau mal, was ist denn das in der Vitrine?
Es hatte sich umgedreht und etwas Neues entdeckt.
Hier steht „Lagerplatz“, las ihre Großmutter vor, vielleicht sind das Dinge von einem umherziehenden Wanderer, der sich ausruht. Er muss neue Kraft tanken. Da hängt sein Rucksack.
Sie betrachteten stumm die unter­schiedlichen Gegen­stände, die in der Vitrine ausgestellt waren. Dann schlenderten sie zum nächsten Glaskasten und setzten sich auf ihre Stühle.
Weißt du, der Künstler arbeitete mit vielen Symbolen. Wenn du die Liebe ausdrücken möchtest, was malst du dann?
Ein rotes Herz.
Siehst du, so einfach ist das und jeder versteht es auf der ganzen Welt. Die Symbole hier sind nur etwas komplizierter, aber man muss auch nicht immer alles verstehen. Man kann das auch gar nicht, da die Welt selbst sehr kompliziert ist. Hier ist Filzstoff, den kennst du doch, man kann damit basteln oder einen Mantel nähen und der hält dann schön …
… warm.
Richtig. Also ein Symbol für
… Wärme.
Sehr gut. Und der Gehstock hier ist ein Hirtenstab, zum einen ist er eine wirkliche Hilfe für den Hirten, aber er dient auch als Bischofsstab und da gilt er als spirituelle Hilfe. Also, ich verstehe das so, dass dieser Stab die Menschen körperlich und auch geistig stützen kann. Er gibt Sicherheit.
Und dieser Hut? Er schützt vor Kälte und Regen, nicht wahr?
Ja, und es kann gut sein, dass es der Hut des Künstlers ist. Wie diese Anglerjacke, die auch sein Markenzeichen war. Der Künstler selbst ist nicht mehr da, er ist, warte, lass mich nachrechnen, er ist seit fast 25 Jahren verstorben. Sein Körper ist nicht mehr da, aber etwas von seiner Energie ist übriggeblieben. Die künstlerische Energie, die in ihm steckte und die so viele Menschen bewegte und inspirierte, sie ist in diesen Räumen allgegenwärtig, findest du nicht?
Und die Luftpumpen?
Hm, ein neues Rätsel. Luft wird gepumpt, Luft wird eingeatmet. Leben wird eingeatmet, eingehaucht … das Denken, die vielen Fragen, die Empfindsamkeit, das Vertrauen, das alles bedeutet doch unser pulsierendes Leben, oder nicht?
Das ist sehr schwierig. Komm Oma, lass uns weitergehen.
Ja, ich komme gleich, Liebes. Schau dir ein wenig allein die Dinge an. Ich bleibe hier sitzen für einen Moment. Und die alte Frau sah sich im Raum um und schloss kurz die Augen. Sie atmete tief ein und aus und hielt dann wieder Ausschau nach dem Mädchen. Sie blätterte in dem Faltblatt in ihrer Hand und las … Der Begriff Materie kommt von „Materia“ und „Matter“ und leitet sich aus dem Mittelhochdeutschen ab – bedeutet Ursprung und Mutter … der Körper des Menschen wird als Materie betrachtet
Sie blickte auf und sie winkten sich zu; ihre Enkelin stand vor großen Steinblöcken, die durcheinander, scheinbar unwillkürlich, auf dem Boden lagen.
Materie, grübelte sie. Materie, Energie und Spiritualität – diese drei, noch sind sie in mir vereint, noch kann ich denken, mich erinnern, fühlen, handeln – doch eines Tages, was wird dann von mir übrigbleiben? Was bleibt? Sie hatte gelesen, dass die Asche des Künstlers über der Nordsee verstreut worden war. Sein Gedenken fand also hier statt.
Sie betrachtete die seltsamen Dinge, die in den Vitrinen lagen: Scheinbar ärmlichen Gegen­ständen wurde ein besonderer Platz zugewiesen. Ein alter Porzellanteller, eine Weißblechdose mit Holzstab, Leinen, Wachs, Schnur und eine aufgeblasene Schweinsblase, die aussah wir ein alter verwitterter Luftballon …
Wachs schmilzt in der Hitze und die Luft entweicht aus dem Ballon – nichts bleibt, wie es ist. Alles ist in Bewegung, nichts lässt sich festlegen. Eine wahrlich kreative Welt, die uns umgibt. Formen, und auch der Mensch, können, dürfen nicht erstarren, denn Grenzen werden ständig verschoben und die Energien suchen neue Formen, werden weitergetragen … Was wird die Kleine von diesem Besuch mit nach Hause nehmen? Was habe ich ihr mitgeben können? Sie dachte an ihre Tochter, die im Krankenhaus lag und sich erholte und an das süße, wunderbare kleine Wesen, das erst vor wenigen Tagen das Licht der Welt erblickt hatte. Die Liebe, die sie fühlte konnte sie nicht in Worte fassen und sie hätte kein Bild malen können, das ihren Empfindungen gerecht werden konnte. Hatte dieser Künstler auch so empfunden?
Sie blätterte wieder in der Broschüre. Er hatte zwei Kinder – wie sind sie? Was denken sie, jetzt da sie erwachsen sind, über ihren Vater, über die Ausstellung? Das Erbe ist groß. Er hatte sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur auseinandergesetzt; er diskutierte viel, kommunizierte, politisierte, … Er hatte jeden Menschen als Künstler angesehen! Der denkende Mensch, der aktiv etwas bewegen möchte, der fühlt und handelt, der abwägt zwischen Verstand und Intuition, der sich verleiten lässt von Ehrgeiz, Macht oder Sinnlosigkeit. Und die Bedeutung der Liebe? Warum ist sie hier so wenig präsent? Ist sie nicht das höchste Gut? Die Kraft unserer Existenz, die Beziehung zwischen den Eltern, und den Kindern, die Verbindung zwischen den Menschen? Eine Verbundenheit, die sich fortführt, … … ja, dieser Wandel ist beständig! Die Liebe. Wo kommt sie her? Sie ist so einzigartig, so unbegreiflich. Ein Funke. Ein Feuer. Leben.
Da kam plötzlich ihre Enkelin auf sie zugelaufen und unterbrach ihre Gedanken. Sie umschlang sie mit ihren Ärmchen und gab ihr einen Kuss auf die feuchte Wange. Oma, rief sie aufgeregt, da hinten sind ganz viele Schlitten, weißt du noch, wie wir im Winter zusammen den Berg runtergefahren sind, wir beide, Oma, das war ein Spaß!
Und dann lagen sie sich einen langen Moment fest in den Armen und jeder für sich dachte mit einem Lächeln an die gemeinsam verbrachte Zeit.

Eine Geschichte über die Trinität:
Inspiriert von der Kunst Joseph Beuys (1921 – 1986), Düsseldorf

Der Mensch, denkt und handelt.
Der Mensch, liebt und lebt.
Der Mensch und die Welt und das ganze Universum.

Eine Einheit.

Bettina Ghasempoor, 2010

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